Typisieren, Fetischisieren, Normalisieren, Pathologisieren.
Mit Katrin Luchsinger
In der Schweiz hielt die Fotografie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts Einzug in die Psychiatrie, oft fotografierten Psychiater*innen selbst. Die Aufnahmen kamen in Lehrbüchern, Fachartikeln und Vorträgen (als Diapositive) zum Einsatz. 1930 wandten sich 12 Kliniken mit fotografisch reich illustrierten Broschüren an die breite Öffentlichkeit. An der HYSPA, der «Landesausstellung für Hygiene und Sport», bespielte die Psychiatrie unter dem Label «Psychohygiene» einen Saal. 26 psychiatrische Anstalten stellten sich mit Fotos zu Architektur, Behandlung, Freizeitangeboten und – mit Diagnosen versehenen – Patient*innenportraits vor. Vor diesem Hintergrund untersucht Katrin Luchsinger undatierte Aufnahmen aus der Klinik Waldau. Die eine zeigt eine so genannte «Abteilung für unruhige Frauen», die andere einen Patienten an der Tür zu seiner Isolierzelle. Welche psychiatrischen Konzepte lassen sich aus diesen Aufnahmen ablesen? Welche Konzepte des Primitivismus übernahm die Psychiatrie? Was erfahren wir über den Handlungsspielraum von Patient*innen, welche gesellschaftlichen Sanktionen drohen ihnen hinter den «gezähmt», ja didaktisch wirkenden Aufnahmen? Und schliesslich: Wie weit kann eine Interpretation gehen?
Datum: 3.6.2026 um 17:30 Uhr
Kosten: 5€
Credits: Fotograf Paul Senn, 1936 für die Zeitschrift „Der Aufstieg“ aufgenommen, aber nicht veröffentlicht, Zellengang der Psychiatrischen Klinik Waldau, Bern.