Lu Yangs fortlaufende Videotrilogie DOKU untersucht die Auflösung des Selbst im Verhältnis zu digitalen, biologischen und spirituellen Systemen. In den drei Teilen DOKU The Self (2022), DOKU The Flow (2024) und DOKU The Creator (2025) setzt der chinesische Künstler (*1984 in Shanghai, lebt zwischen Shanghai und Tokio) Videospielästhetik, Motion-Capture-Technologie und buddhistische Philosophie ein, um zu hinterfragen, wo Identität denn verortet sein kann, wenn das Bewusstsein dargestellt, reproduziert und endlos wiedergeboren werden kann. In der Trilogie erlebt und bewohnt ein Avatar – basierend auf dem Erscheinungsbild von Lu Yang – verschiedene Realitäten, die vom Alltäglichen bis ins völlig Fantastische reichen. Inspiriert von Konzepten des Yogācāra-Buddhismus – besonders von der Vorstellung eines ālayavijñāna („Speicherbewusstseins“) – stellt Lu Yang DOKU nicht als stabile Figur dar, sondern als flackerndes Geflecht aus Daten, Neuronen und spirituellen Konzepten. Insgesamt fragt die Trilogie, ob das Selbst, wenn es erst einmal in genetischen Code, Gehirnaktivität und algorithmisches Verhalten zerlegt worden ist, überhaupt existiert, oder ob es lediglich als unbeständige Muster fortbesteht, die sich durch biologische und digitale Netzwerke bewegen.
Während Vienna Digital Cultures 2026 unter dem Thema „Alone or Together?“ Formen digital vermittelten Zusammenseins und Individualität diskutiert, stellt Lu Yangs DOKU-Trilogie eine grundlegendere Frage, nämlich: ob das Individuum, das dieses Verbinden oder Sich-Zurückziehen ausführt, überhaupt ein kohärentes Individuum ist. Wenn das Selbst keine stabile Einheit ist, sondern nur aus Daten, Neuronen und karmischen Rückständen besteht, beginnt sich der Gegensatz zwischen Allein- und Zusammensein schon an seinem Ursprung aufzulösen: Man kann weder allein noch zusammen sein, wenn es überhaupt kein feststehendes „Du“ gibt.
Hier treffen buddhistisches Denken und digitale Kultur mit überraschender Wucht aufeinander: Das Konzept des ālayavijñāna – eines Speicherbewusstseins, das während eines ganzen Lebens Eindrücke anhäuft, ohne eine feststehende Seele zu sein – bietet einen vormodernen Ansatz, der in unserem Zeitalter der bleibenden Datenspuren, des Verhaltensprofilings und des digitalen Nachlebens plötzlich von Neuem lesbar erscheint. Der DOKU-Avatar, zwar im Aussehen Lu Yang selbst nachempfunden, aber nicht an einen einzelnen Körper oder Moment gebunden, verkörpert eben jenen Zustand, den das Festival untersuchen möchte: den eines unaufhörlichen Kreisens; sichtbar, aber schwer zu fassen; präsent, aber nicht wirklich verortbar. In diesem Sinne weist die DOKU-Trilogie darauf hin, dass das, was die Technologie heute neu, fremd und sonderbar erscheinen lässt, von gewissen philosophischen Traditionen vielleicht schon die ganze Zeit verstanden wurde.
Lu Yang (*1984 in Shanghai, lebt zwischen Shanghai und Tokio) ist ein chinesischer Künstler, dessen 3D-Animationen und Installationen grundlegende Fragen zu Körper und Bewusstsein, Spiritualität und Wissenschaft sowie den Grenzen des Menschseins untersuchen. Lu Yang erlangte internationale Bekanntheit durch Präsentationen unter anderem auf der Biennale di Venezia, bei Times Square Arts (New York), in der Julia Stoschek Foundation (Düsseldorf), im Centre Pompidou (Paris), in der Fondation Louis Vuitton (Paris), im New Museum (New York), im Hamburger Bahnhof (Berlin), im Mori Art Museum (Tokio), in der Kunsthalle Basel, im Fridericianum (Kassel) und im Ullens Center for Contemporary Art (Beijing) und ist in bedeutenden internationalen Sammlungen vertreten. 2022 wurde Lu Yang von der Deutschen Bank als „Artist of the Year“ ausgezeichnet.
Vienna Digital Cultures
Lu Yang: The DOKU Trilogy wird im Rahmen des Festivals Vienna Digital Cultures 2026 präsentiert, das sich unter der Leitidee „Alone or Together?“ mit den kulturellen Auswirkungen digitaler Technologien auseinandersetzt. VDC 2026 wurde von Nadim Samman kuratiert.
Vienna Digital Cultures wird seit 2025 jährlich im Wechsel von FOTO ARSENAL WIEN und der Kunsthalle Wien organisiert.
